Geschichten, die das Leben schreibt: Baupfusch und Betrug


10. Mai 2016 / Sabrina

Baupfusch: Schatz, die Polizei und Feuerwehr ist da.Komm bitte zum Haus…

Was so anfängt, kann dank einer Rechtschutzversicherung,eines Malermeisters als Zeugen und dem Team bestehend aus Schwiegermutter und mir, doch gut ausgehen!

Aber von vorne…

Hallo,mein Name ist Kerstin und seit dem 3.Oktober letzten Jahres wohnen wir (Mann, Kind, Kater und ich) in einem Reihenmittelhaus im doch sehr schönen Mülheim a.d.Ruhr. Seit dem ersten Advent sogar mit warmen Wasser und mehr als einer funktionierenden Steckdose pro Etage. Unsere Suche nach dem geeigneten Objekt dauerte mehr als zwei Jahre und gipfelte in der 135.ten Besichtigung eines Objekts. (Highlights aufzuzählen würde zu lange dauern). Wir entschieden uns für dieses Haus aus dem Baujahr 1967 und 125
Quadratmeter Möglichkeiten. Bereits im Laufe der Kaufabwicklung hörten wir uns nach Handwerkern und Firmen um,die uns helfen sollten unseren Traum vom wohnen zu verwirklichen.

baupfusch

Manch gut(gemeint)er Ratschlag wurde uns mitgegeben,aber leider wenig Adressen.Nur unseren hervorragenden Malermeister fanden wir so und bestätigten auch direkt seinen Kostenvoranschlag. Nun bestanden aber noch Defizite in den Bereichen Sanitär,Heizung und Fenster,da wir alles Andere,besonders den Abriss einzelner Wände,
alleine stemmen wollten. Wir schauten im Internet,bestellten Firmen ins Haus und ließen uns weitere Kostenvoranschläge geben.Ein mittelpreisiges „Unternehmen“ aus unserer jetzigen Stadt erhielt den Zuschlag sowohl Elektro, als auch Sanitär und Fliesenarbeiten zu machen. Für die Heizung entschieden wir uns zum Glück für eine andere Firma.
Unsere Hauptfirma, nennen wir sie liebevoll „Arsch.com“ wurde uns sowohl vom Makler als auch einer Nachbarin empfohlen und wir konnten VORHER nichts negatives über sie finden.

Da ich täglich mit meiner Tochter (mein Fast-Ehemann musste arbeiten), auf der Baustelle anwesend war ab circa 10Uhr bis Abends bekam ich einen schnellen Einblick in die Arbeitsmoral der immer drei anwesenden Herren. Pausen wurden gerne mal großzügig ausgedehnt, was ich erst nicht allzu schlimm fand, doch machte mich der zunehmende
Bierkonsum ab der zweiten Woche stutzig und dann sauer. Ein Gespräch mit dem Vorarbeiter ergab aber nur, dass wie wir später feststellen mussten,danach heimlich weitergetrunken wurde. In der dritten Woche fingen paralell zur Arsch.com die Heizungmonteure im Keller an den alten Öltank zu demontieren und die
neue Heizung, inklusive Verrrohrung,zu installieren. Bereits nach dem ersten Tag der Zusammenarbeit beider Firmen kam es zu einem großen Streit, da ich zu der Zeit aber im Dachgeschoss die Wärmedämmung erneuerte, bekam ich es nicht mit und man erzählte mir erst im Laufe des schwebenden Gerichtsverfahrens davon.

Hätte ich direkt davon erfahren, hätte ich mir viel Ärger gespart….aber hätte, hätte….ich wusste es halt nicht.
Da wir davon ausgingen,dass die Hauptfirma bei dem Tempo im Zeitplan liegt und wir unser Haus im August beziehen können,kündigten wir unsere alten Wohnungen und verbrachten die Wochenenden in Sanitärausstellungen und Baumärkten. Mensch waren wir blöd! Wir sahen zwar die geleisteten Arbeiten und hatten zwischenzeitlich
auch einen Baugutachter (Papa meines Patenkinds) konsultiert ,doch liefen wir stehenden Fußes ins Unglück. Bei der Bestellung der Haustür und der Fenster mit integrierten Rollokästen ,welche alle Sondermaße haben ,stimmten wir einer Vorrauszahlung von 40% der Gesamtsumme zu.Gleichzeitig fragte die Arsch.com auch nach einer ersten Abschlagszahlung. Da wir das Fensterangebot durch die Hauptfirma angenommen hatten und nicht wie eigentlich üblich separat über den Fensterbauer/Lieferanten, durften die Arsch.com uns beide Beträge in Rechnung stellen. Und wir bezahlten mit leichtem Magengrummeln.Trotz schlimmster Vorahnungen,standen die üblichen drei Mann ab Montag aber doch meistens vollzählig wieder bei der Arbeit.

Zwei Tage später kam dann das Schlüsselerlebnis: Unser Zimmermann fiel die Kellertreppe runter beim Versuch mit einem Vorschlaghammer
einen Elektroschlitz in die Wand zum Nachbarn zu „prügeln“.(Und nein das wird eigentlich nicht so gemacht,es gibt dafür wunderbare
Schlitzfräsen!) Erst durch seine Hilfeschreie aufgeschreckt, entdeckte ich ihn und verständigte den Notarzt. Da er sich weigerte mitzufahren und dabei einen Sanitäter angriff,riefen diese ihrerseits die Polizei zur Unterstützung. Die Beamten kamen, fragten nach unseren Unterlagen und Versicherungen (Verdacht der Schwarzarbeit) und begleiteten ihn ins Krankenhaus.

  • Am direkt folgenden Sonntag baten wir den „Chef“ der Sippe zum Gespräch und wollten gerne seinen Standpunkt hören.Meine Schwiegermutter führte das Gespräch, während ich im Hintergrund alles auf einem Diktiergerät speicherte, was dem Herrn schon nicht sehr gefiel. Erst ließen wir ihn über die Fortschritte berichten und den Zeitplan abstimmen.Als er keinen Protest von uns vernahm ,fragte er nach einer kleiner Vorrauszahlung für zu besorgende Materialien, die wir ihm verwehrten und nun unsererseits ihn mit den neuen Fakten
    konfrontierten:
    Der „Zimmermann“ hatte diesen Beruf niemals erlernt und durfte so einige der erledigten Arbeiten garnicht machen
  • außerdem war er bei der Firma nicht angemeldet
  • er hatte,trotz eindeutiger Aussagen zum Thema Alkohol, zum Unfallzeitpunkt 2,4 Promille im Blut
  • und was für uns am schlimmsten war: Er ,der sogenannte „Chef“, war weder Elektriker noch der Unterschriftsberechtigte der Arsch.com!

Ein sofortiger Baustop mit Aussprache und schriftlicher Bekanntgabe beim Bauamt und der Firma an sich war unumgänglich.

Doch die Firma reagierte nicht und da wir immer noch vertragsgebunden waren,trotz der widrigen Umstände,musste ein Anwalt eingeschaltet
werden,der die Kenntnisnahme des Baustops einforderte und uns neue Verfügungen möglich machte.
Es gingen drei Wochen ins Land zwischen Hoffen und bangen.Denn vom Gesetzgeber aus war es uns verboten die Haustürschlösser zu wechseln, da die Firma das Recht hatte, ihre Sachen jederzeit abzuholen, bzw die Arbeiten sogar fortzusetzen. Einzig unser Maler und zwischendurch die Heizungsmonteure waren zugegen wenn ich alleine mit meiner Kleinen im Garten des Hauses wenigstens etwas tun wollte. Mittlerweile war es August und wir bangten um unsere Zukunft.

Von der Firma hörte ich bis auf einen Drohanruf (den ich gleich anzeigte) nichts mehr und doch wuchs die Angst, dass die drei aus Rache
im Haus etwas anstellen,wie z.b. die neu verlegte Gasleitung beschädigen oder Wasserrohre manipulieren. In tiefer Verzweiflung heulte ich mich eines Tage bei meinem NochVermieter aus und bettelte darum,länger in meiner Wohnung bleiben zu dürfen. Er erzählte mir zwar von Nachmietern,aber bis notfalls November würde es schon gehen. Aber er tat etwas noch besseres: Er rief alle Handwerker seiner Mietshäuser an,besprach die Situation und
überredete sie, uns beim Bau zu helfen.

Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder…. Montags als ich zum Bau kam,standen dort bereits unser alter lieber Maler und die Heizungsbauer, sowie aber auch
Fliesenleger, Sanitärfachleute und eine Elektrofachfirma! Ich muss gestehen,dass ich erstmal geheult habe,als ich die Situation begriff.
Unser Malermeister übernahm die Koordination der Leute, die Heizungsmonteure kontrollierten immer wieder die Arbeitsschritte nach und als es gut erschien,kam es noch schlimmer…

Ausnahmsweise hatte ich an diesem Tag meine Kleine bei Schwiegermutter lassen können und so stand ich fassungslos daneben als er Elektriker auf der Leiter stehend schrie:
„Alle raus hier,es brennt!“ Feuerwehr und Polizei wurden informiert,die angrenzenden Häuser evakuiert.

baufpusch

Was war passiert?

Die Arsch.com hatte uns Andenken hinterlassen und nahezu sämtliche Verteilerdosen unter Putz sowohl mit Streichhölzern,als auch was
schlimmer war, mit Wasserzuleitungen präpariert! Aus purem Zufall hatte unser neuer Elektriker es überhaupt bemerkt und so schlimmeres als einen Kabelbrand in zwei Wänden verhindert. Polizei,Feuerwehr und von mir hinzugerufen unser Anwalt für Baurecht und ein Vertreter der Kreishandwerkerschaft protokollierten alles.
Als ich meinen Fast-Ehemann auf der Arbeit verständigte,musste ich nur noch hysterisch lachen und sagte ihm:„Schatz, komm bitte zum Haus wenns geht. Es brennt ,aber die Feuerwehr und Polizei ist schon da.“ Nach dem doch großen Schock ging es aber in der nächsten zwei Wochen zügig voran und wir zogen in einen tapezierten, mit neuer Elektro und einem halbwegs fertigen Bad NeuAltbau ein. Als dann noch der manipulierte Wasseranschluss im Keller barst ,natürlich nach dem Umzug, machte es schon nichts mehr. Uns schwamm zwar gerade ein Teil unserer Habseeligkeiten um die Beine,aber Wasser
kann man abpumpen und Sachen trocknen. Hauptsache kein Feuer mehr.

Abschließend sei noch gesagt:

Da uns bei Gericht kurzfristig nicht geholfen werden konnte – Die Kreishandwerkerschaft nur eine Ermahnung aussprach – „dafür sind wir nicht zuständig“
Die Polizei protokolliert, aber nur weiterreichen konnte – ebenfalls Zuständigkeit Unser Baurechtsanwalt nicht der schnellste war- aber sonst ein Guter. Nahmen wir das Thema selbst in die Hand.Wir hatten den Namen der ursprünglichen Fensterfirma rausgefunden, mit denen die Arsch.com zusammengearbeitet hat und eines schönen Morgens im Oktober fuhr ich mit Schwíegermutter, aber ohne Kind dorthin und stellte sie vor die Wahl:

Entweder ich komme jeden Tag vorbei, mit Schwiegermutter, mit Anwalt, mit Reportern oder sie geben mir für die Fester und die Tür und ich bezahle lediglich die noch offenstehende Restsumme. Die Fensterfirma hat den Ernst der Lage verstanden und lieferte drei Tage später.
Direkt nachdem sie fertig waren mit dem Einbau ,griff hier vor Ort die Kripo ein und auf einer anderen Baustelle wurde die gesamte (dreiköpfige) Mannschaft der Arsch.com hochgenommen.

baupfusch

Vorwurf?

  • Insolvenzverschleppung
    Betrug mit Titeln,
  • Missbrauch von Titeln (ja der Herr Elektriker hatte angeblich ein Diplom)
    Vortäuschung falscher Tatsachen
    versuchte schwere Körperverletzung
    leichte Körperverletzung
    Bedrohunng
    versuchte Nötigung
    vorsätzliche Brandstiftung
    fahrlässige Brandstiftung

Was noch kommen wird,weiß ich nicht.
Aber eines kann ich sagen: Wir lieben unser Haus und würden es nochmal kaufen und auch umbauen, aber bitte nur mit echten Profis und einer guten Rechtschutzversicherung!

Kerstin

Wir danken Kerstin für den Einblick in ihre aufregende Bauphase!

4 Replies to “Geschichten, die das Leben schreibt: Baupfusch und Betrug”

  1. Ach du Kacke! Euch blieb ja mal gar nichts erspart! Ja, es gibt unendlich viele schwarze Schafe auf dem Bau und leider kann man die als Laie – und sehr oft auch als Fachmann/frau – nicht rechtzeitig erkennen…
    Ich werde mal in einem Artikel darauf eingehen, wie man sich vor sowas zumindest im Ansatz schützen könnte.

    1. Hallo Roxy,
      Dank unseres wunderbaren Internetanbieter schreib ich erst heute zurück.

      Ich glaube ich muss noch erwähnen,dass mein Vater , allerdings in 300Kilometer Entfernung, eine Baufirma betreibt und uns am Anfang der Arbeiten auch besucht hat.Da war noch alles ok.
      Wie wir mittlerweile wissen,war genau das die Masche der „Firma“ nachdem der alte Geschäftsführer gestorben ist.Erst arbeiten sie ordentlich -allerdings mit Bier.Wobei der Bauopa nie gesoffen hat,sondern die anderen deckte. Ab der ersten Vorauszahlung geht es dann stetig abwärts und gipfelt in Erpressungen oder einfach Arbeitsverweigerung.
      Da wir nun Gespräche mit insgesamt 29 anderen Geschädigten führen,erfahren wir erst das gesamte Ausmaß.
      Die gute Nachricht:Wir haben den Schadensersatzprozess gewonnen ?

  2. Oh mein Gott, ich glaube das ist der absolute Horror für jeden „Hausbesitzer“…mir ist schon beim Lesen ganz schlecht geworden.
    Liebe Kerstin, ich hoffe, dass nach all dem Ärger nun endlich positive Zeiten kommen und den Mitarbeitern der Firma Arsch.com endgültig das Handwerk gelegt wird. Unglaublich sowas!
    Liebe Grüße und durchhalten, durchhalten, durchhalten!

    1. Hallo Christin,
      Ja wir haben es im Gegensatz zu einem anderen Leidtragenden gut überstanden und nun noch den ersten Prozess gewonnen ?.
      Es war eine ohne Frage Schlimme Zeit,aber wir hatten definitiv die stärkeren Nerven und waren stur genug.
      Die Arschkom ist von Amtswegen her als Insolvent erklärt worden und das Firmenkapital beschlagnahmt worden.
      Gut für uns war,dass die ExFreundin des „Geschäftsführers“ auf unserer Seite ist

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